An wilden Wassern

Dem Wasser in allen erdenklichen Formen auf der Spur

Wer großartige Naturerscheinungen ohne Aufwand und ohne viel Anstrengungen, wer insbesondere herrliche Wasserfälle und die ganze Pracht einer gewaltigen Eiswelt zu sehen wünscht, der gehe ins Stubai.

Johann Jakob Staffler, Topograph, 1842

05.-07.07.2019, mit Hans Sterr – Einer solchen Einladung eines Topographen (die müssen es ja wissen!) konnten und wollten wir uns nicht entziehen – und wurden mit dramatischer Bergwelt belohnt.

Am Start

Unsere Tour beginnt nach der Anreise von Erding am Wanderparkplatz kurz hinter Ranalt im Stubaital. Und man staune: Es gibt neben einem gebührenpflichtigen Parkplatz sogar noch einen kostenlosen (an der Bushaltestelle „Nürnberger Hütte“). Von dort gehen wir los auf den „Wilde-Wasser-Weg„, kurz WWW.

Tosender Bach mit Regenbogen

Wir gehen zunächst in die „falsche“ Richtung, die in diesem Fall die richtige ist: Wer den ganzen Weg erleben möchte, muss hier erstmal in Fließrichtung gehen und erreicht dann im Gegenanstieg das Katarakt der Ruetz, einen engen Felsdurchlass, durch den sich der Bach tosend zwängt.

Schauen und staunen

Der WWW führt hier immer an und über der Ruetz entlang. Wir freuen uns über den sehr angenehm zu gehenden und abwechslungsreich gestalteten Steig.

Schön angelegt

Nach dem Verlassen des Waldes wird auch erstmals unser Ziel, der Aufstieg zur Sulzenau sichtbar.

Nach dem Waldstück wird der Blick freier

Wir erreichen die Tschangelair Alm (wo die Teilnehmer zum Entsetzen des Tourenleiters eine Einkehr ablehnen – wen hab ich mir denn da in die Tour geholt?). Statt einer Brotzeit schauen wir uns zukünftige Fischgerichte in einem kleinen Teich hinter der Alm an.

Fischstäbchen, noch lebendig

Und manche freunden sich noch mit der heimischen (wenn auch eingesperrten) Tierwelt an.

Begegnung mit einer jungen Ziege (rechts)

Unser Weg führt uns nun weiter durch den Wald – und schließlich öffnet sich der Blick für eines der spektakulären Schaustücke des WWW, den Grawa-Wasserfall.

Grawa-Wasserfall mit Aussichtsplattform

Da müssen wir natürlich etwas länger bleiben, zumal der Wasserfall aktuell vom Schmelzwasser reichlich gespeist wird und wir so das volle Schauspiel erleben dürfen.

Sehr wilde Wasser

Eigentlich war eine Einkehr in die Grawa-Alm vorgesehen, aber jetzt mag der Tourenleiter nicht mehr (Rache ist süß).

Da geht’s ab

Weil wir eine angehende Wanderleiterin unter uns haben, gibt der Tourenleiter das Zepter für eine Stunde ab und lässt Louisa führen. Und sie macht das nach Meinung aller sehr gut! (Sie ist allerdings deutlich strenger als der Tourenleiter, gell, Harald?)

Aussichtsplattform

Wir steigen unter Louisas Führung am Wasserfall entlang und an zwei Aussichtsplattformen vorbei weiter auf in Richtung Sulzenau.

Am Eingang des Sulzenautals

Der gut angelegte Weg ist nicht schwierig zu gehen, und so erreichen wir ohne Probleme die Sulzenau-Alm. Und jetzt aber für alle: Einkehrschwung!

Sulzenau-Alm

Nach dieser nun doch verdienten Pause geht es dem Sulzenaubach entlang weiter ins Tal hinein, wo uns schon das nächste Spektakel erwartet: Der 200m hohe Sulzenau-Wasserfall. Und auch hier tost das Wasser wild über die Felsen herunter. Eine Schau!

An so einem wilden Wasserfall …
… müssen wir natürlich posen

Wir steigen dann weiter, aber nicht über den Normalweg zur Hütte hinauf, sondern über den am Wasserfall angelegten Weg. Etwas steiler, dafür schneller. Nach insgesamt 800 Hm am heutigen Tag erreichen wir unsere Unterkunft für die nächsten beiden Tage, die Sulzenau-Hütte.

Die Sulzenauhütte, 2.191m

Wir beziehen unser eigenes Lager im Nebenhaus und machen es uns bis zum Abendessen auf der aussichtsreichen Terrasse gemütlich. Mit einem feinen Essen klingt der Tag aus.

Samstag

Heute steht eine Runde auf dem oberen Teil des WWW an. Wir frühstücken um sieben und ziehen pünktlich um acht Uhr los.

Im Aufstieg, unten die Blaue Lacke

Unser Weg führt uns zunächst auf der orografisch linken Seite des Sulzenaubachs entlang, aber schon bald verlassen wir ihn in die Hänge des Großen Trögler über uns. Mal steiler, mal flacher zieht der Weg hier hinan, und auch Schneefelder müssen gequert werden.

Kalte Füße?

Eine Schafherde kommt uns entgegen und macht sich recht fotogen.

Schöne Schafe

Wir begegnen auch vielen Ziegen; ihre scharf getrennt schwarz-weiße Färbung lässt sie als Walliser Rasse erkennen.

Trennschärfe

Wir nähern uns dem Ziel, dem Peiljoch, wobei der Anblick des steilen Schneefelds, das es zu überwinden gilt, mancher einen leichten Schrecken einjagt.

Blick zum Peiljoch

Aber es ist so wie immer: Aus der Nähe ist dann alles halb so wild. Wir lassen uns an diesem (bis auf den lästigen Wind) gemütlichen Platz zur Brotzeit nieder.

Brotzeit
Das Bauen hat wohl gedauert

Über die vielen und teils riesigen Steinmännchen geht der Blick über den Sulzenauferner und die Fernerstube hinüber zu Wildem Pfaff und Zuckerhütl, dem mit 3.505m höchsten Berg der Stubaier Alpen.

Blick über Fernerstube und Sulzenauferner zu Wildem Pfaff und Zuckerhütl

Auch der Abstieg über das Firnfeld bereitet keine Probleme,

Geht schon

und so erreichen wir den Sulzenau-See, der vom Schmelzwasser des gleichnamigen Gletschers gebildet wird. 2017 brach dieser See mit einer drei Meter hohen Flutwelle aus und hat so das Tal des Sulzenaubachs nachhaltig verändert; glücklicherweise sind weder Menschen noch die Sulzenauhütte zu Schaden gekommen.

Am Sulzenausee

Im Laufe des Abstiegs verrät der Tourenleiter das Geheimnis der „rostenden Steine“. Und auch eine Einheit „Reibungsgehen“ auf dem Urgestein legt die Gruppe noch ein.

Rostende Steine

Wir erreichen wieder die Hütte und kehren auf ein Getränk ein, bevo wir wieder aufbrechen zur „Blauen Lacke“, einem kleinen See unweit der Hütte. Und der ist nun gleich aus zwei Gründen ein Spektakel:

An der Blauen Lacke

Zum einen ist da diese unglaubliche Farbe des Wassers, ein leuchtendes Türkis (der Fotograf schwört, dass er nix an der Farbe gedreht hat!).

Und zum zweiten haben wir eine superharte Teilnehmerin dabei: Martina stürzt sich tatsächlich in die nach Auskunft der Hüttenwirte 5 Grad „warme“ Lacke. Sie verdient sich damit eine Auszeichnung (und ein Bier) vom Tourenleiter. (Die Hüttenwirte sagen, der See ist 20 Grad warm – an allen vier Ecken jeweils 5)

Die Superharte

Beim Abstieg kommt der Tourenleiter dann noch mit dem Schäfer, der uns heute am Peiljoch begegnet ist, ins Gespräch. Ihm, dem Paul, gehören alle 350 Schafe und alle Ziegen, die hier oben weiden. Er sagt, er macht das neben seinem eigentlichen Beruf als Hobby – das hört sich nach sehr viel Arbeit und wenig Erholung an, aber selten wird man einen zufriedeneren Menschen treffen können.

Alpenrosenblüte

Der Tag klingt wieder mit einem feinen Essen aus.

Sonntag

Eigentlich war heute geplant, die Tour erst über die Nürnberger Hütte weiter zu führen und von dort aus in Tal abzusteigen, aber schon als wir zum Frühstück gehen, beginnt es zu regnen. Wir entscheiden uns deshalb für den direkten Abstieg.

Need schee

An der Sulzenau-Alm reißt dann der Himmel nochmal auf, und es kommen Zweifel, ob wir nicht doch … aber als wir im Tal sind, beginnt es schon wieder zu regenen. Alles richtig gemacht!

Mit Erreichen der Bushaltestelle trifft genau auch der Bus ein, was manche zu unwillkommener Eile zwingt (die eigenen wilden Wasser sind am schwersten zu bändigen: „Schnell, zwick ab!“). Der Busfahrer akzeptiert unseren Aufenthalt auf der Hütte als Fahrschein und lässt uns kostenlos mitfahren – danke!

Abschlussfahrt

Und so steigen wir diekt an unseren geparkten Autos aus und verabschieden uns nach einer ereignisreichen und spektakulären Tour.

Wir haben die Wilden Wasser in allen Formen erlebt: Als gischtende Fließgewässer, als tosende Wasserfälle, als Schnee, als Gletschereis und leider zuletzt auch als Regen. Die Teilnehmer waren mit allen Wassern gewaschen, die stillen Wasser waren tief (und saukalt) und Wein haben wir zu Wasser verwandelt. Gerne wieder!

Dabei waren:

v.l.: Wolfram Honsberg, Harald Schramek, Angelika Hofmann, Louisa Handorf, Hans Sterr, Monika Hofer, Claudia Honsberg, Martina Neumann

Tourenleitung, Bericht, Fotos: Hans Sterr